
Jürgen Karla – spielbar.com
Letztens bin ich gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, an einem „Tag der Demokratie“ mitzuwirken. Und zwar explizit unter dem Label „als brettspielender Mensch“. Was könnte man so tun an einem Tag der Demokratie mit dem Medium Brettspiel? Ein Vortrag wäre da wohl unspannend, eine Ausstellung für einen Tag nicht sinnvoll. Also dachte ich: wir könnten ja Brettspiele spielen, die eine Wirkung auf unser Zusammenleben und dessen Reflexion haben. Und dann habe ich mir mal Gedanken dazu gemacht.
Brettspiele sind für uns als Medienschaffende eine sehr umfassende und vielfältige Freizeitbeschäftigung. Und eine tolle: sie bringen Menschen an einen Tisch, schaffen Begegnungen zwischen unterschiedlichen Generationen, fördern Kommunikation und ermöglichen gemeinsame Erfahrungen und noch so vieles mehr. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten häufig digital, polarisierend und beschleunigt stattfinden, bieten Brettspiele einen analogen Raum für Austausch, Reflexion und in meinem Fall Kooperation (warum sollte ich Map Masters oder Endeavor kompetitiv spielen, wenn es eine kooperative Version/Variante gibt?). Gerade deshalb eignen sie sich in besonderer Weise für die Demokratie-Förderung. Sie können vielleicht sogar demokratische Prozesse erfahrbar machen, politische Zusammenhänge verständlich vermitteln und zentrale demokratische Kompetenzen fördern. Thematische Spiele wie Weimar oder Dindex zeigen beispielhaft, wie Brettspiele historische, politische und gesellschaftliche Themen aufgreifen und spielerisch zugänglich machen können.
Demokratie-Bildung verfolgt das Ziel, Menschen dazu zu befähigen, demokratische Werte zu verstehen, demokratische Verfahren anzuwenden und sich aktiv an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen. Dabei geht es nicht allein um die Vermittlung von Wissen über politische Institutionen oder historische Ereignisse. Ebenso wichtig sind die Entwicklung von Urteilsfähigkeit, Empathie, Kompromissbereitschaft, Perspektivwechsel und die Fähigkeit zur konstruktiven Konfliktlösung. Genau an dieser Stelle besitzen Brettspiele meines Erachtens ein großes Potenzial.
Die Regeln als Basis des geordneten Zusammenlebens
In Brettspielen müssen natürlich Regeln eingehalten werden, damit sich alle Spielenden einbezogen führen, Entscheidungen gemeinsam getroffen und unterschiedliche Interessen ausgeglichen werden. Die Spielenden erleben, dass ein geordnetes Zusammenleben nur funktioniert, wenn sich alle an gemeinsam akzeptierte Regeln halten. Gleichzeitig erkennt man mitunter, dass Regeln diskutiert, interpretiert und gegebenenfalls verändert werden können. Damit spiegeln Brettspiele grundlegende Mechanismen demokratischer Gesellschaften wider.
Demokratie lebt vom Austausch unterschiedlicher Meinungen. In vielen Brettspielen müssen Spielende miteinander sprechen, verhandeln, argumentieren und Entscheidungen begründen. Wir lernen dabei, anderen zuzuhören und deren Sichtweisen zu berücksichtigen. Diese Fähigkeiten sind für demokratische Beteiligung unverzichtbar.
Ein praktisches Beispiel: Das Spiel Weimar beschäftigt sich mit der Geschichte der Weimarer Republik. Die Spielenden setzen sich mit den politischen Spannungen, den gesellschaftlichen Konflikten und den Herausforderungen auseinander, die letztlich zum Scheitern der Weimarer Republik führten. Anders als in einem Schulbuch werden historische Entwicklungen hier nicht nur gelesen, sondern in einem Modell erprobt. Entscheidungen, Machtverschiebungen und politische Dynamiken werden nachvollziehbarer. Die Spielenden erkennen, wie fragil demokratische Systeme sein können und welche Faktoren zu ihrer Stabilisierung oder Gefährdung beitragen. Und ich habe noch nie eine Partie Weimar erlebt, bei der die Nachbesprechung dessen, was gerade am Spieltisch passiert ist, nicht elementarer Bestandteil des Spielerlebnisses war.
Doch warum überhaupt ein „Tag der Demokratie“? Demokratie erscheint vielen Menschen als selbstverständlich. Ausgewählte, kuratierte (ggfs. historische) Spiele können verdeutlichen, dass demokratische Errungenschaften stets geschützt und weiterentwickelt werden müssen. Durch die aktive Beteiligung am Spiel entsteht häufig eine stärkere emotionale Verbindung zum Thema als durch reine Wissensvermittlung.
Und was machen wir nun? Im Moment ist der Gedanke, dass wir Spielrunden mit ausgewählten Spielen anbieten und anschließend vielleicht die „Nachbesprechung“ als Podcast aufzeichnen. Mal sehen – es ist noch ein Jahr, und vielleicht kommen noch ein paar Ideen hinzu.
– Jürgen Karla, www.spielbar.com
